16 Oktober 2006

Erdbeben auf Hawaii

Blackout: Nach dem Beben bleibt die Uhr am Royal Hawaiian Hotel um 7:09 Uhr stehen.
Am Strand geht das Leben auch nach dem Beben normal weiter.
Brandschaden auf dem Dach des Sheraton
Das Bad hat es ganz schön durcheinander gerüttelt.

Earthquake, 6.5 Magnitude, Notstand, Feuer im Sheraton - das sind die Stichworte, mit denen der Traffic auf diesem Blog doch endlich mal in die Höhe getrieben werden muesste. War ja bisher alles ganz schön lasch hier.
Im Ernst: Der Blogeintrag für heute war eigentlich schon vorgeschrieben: Über Birgits Konferenz hätte berichtet werden sollen und über die japanischen Touristen, die hier die Mehrheit stellen. Doch dann geriet die gut geölte Tourismus-Maschinerie plötzlich ins Stocken. Um 7:09 Uhr gibt es ein heftiges Erdbeben, das das ganze Haus erzittern laesst. Es dauert einige endlose Sekunden, dann ist zunächst Stille. Kurze Zeit später ein zweites Beben. Birgit ist im Bad, ich liege noch im Bett. Alles wackelt: Das Bett, der Fernseher, die Stehlampe, das ganze Sheraton-Hotel.
Zu dieser frühen Zeit ist auf der Straße noch nicht viel los. So sind auch keine Anzeichen von Panik zu sehen. Kurz nach dem Beben faellt jedoch der Strom aus.
Unten in der Lobby sammeln sich langsam die Menschen. Wir haben das Beben im vierten Stock als relativ heftig erlebt. Aus den Treppenhäusern des 28 stöckigen Sheraton strömen nun aber auch Menschen, die in den höheren Etagen stärker durchgeschüttelt worden sind. Offizielle Verlautbarungen seitens der Hotelleitung gibt es nicht. Allerdings werden wir heute vom Personal auch nicht durch allzu aufdringliche "Alohas" genervt. Anzeichen von Anspannung. Statt der smarten Damen haben robustere junge Männer mit orangen T-Shirts und Funkgeräten Aufstellung in der Lobby genommen. Ueberall stehen Plasteschilder mit der Aufschrift: "Caution! Wet floor". Das ist aber eher dem Regen geschuldet und soll nich etwa einen eventuell hereinbrechenden Tsunami aufhalten. Frühstück gibt es keines, jedenfalls nichts Warmes. Dafür beginnt man, Mineralwasser auszuteilen.
Wir gehen in die Stadt, weil uns der Sinn nach besserem steht und landen wieder in dem "Euro Market Cafe", das von einem sehr sympathischen Deutschen betrieben wird und wo es hervorragende Bagels gibt. Dort bekommen wir immerhin ein leckeres Müsli und erfahren Neuigkeiten. Als wir zurück ins Hotel kommen, hat man es immerhin geschafft, eine offizielle Durchsage zu machen: Es bestehe keine Tsunami-Gefahr. Schön. Hätte die bestanden, wäre die Welle viel früher gekommen. Die Lobby, nur etwa 3 Meter über Meeresniveau und wenige Meter vom Ufer entfernt, wäre überspült worden. Sie war kurz nach dem Beben voller Menschen.
Als wir zurück in unser Zimmer wollen, entdecken wir zufällig das "Emergency Control Center" des Sheraton - ein Hotel mit schätzungsweise 4000 Betten: Die Notfallzentrale ist ein kleines fensterloses Kabuff, vollgesteckt mit Technik, die jetzt nicht funktioniert, weil es keinen Strom gibt. Die Stimme, die wir über den Lautsprecher hören, gehört der Frau, direkt neben uns in der geoeffneten Tuer dieses Kabuffs und im Schein einer Taschenlampe eine Meldung verliest.
Im Hotel ist es mittlerweile sehr heiß geworden. Die Klimaanlagen funktionieren natürlich auch nicht, und die Fenster lassen sich nicht öffnen. Um Abhilfe zu schaffen blockieren die Hotelangestellten die Türen zu den Nottreppenhäusern. Dadurch soll etwas Luft ins Gebäude kommen - eine haarsträubende Maßnahme, die an diesem Tag fast zu einer Katastrophe führt.
Es folgen verschiedene Ansagen: Der Flughafen sei geschlossen, ein Tsunami kaeme immer noch nicht. Dann plötzlich ein Alarm, offenbar durch einen falschen Knopfdruck im "Emergency Control Center" ausgelöst.
Am Strand hingegen normales Leben. Als ich vom Baden zurück komme, wird unser Flügel des Sheraton gerade evakuiert: Feuer! Auf dem Dach brennt es. Aus einem Lüftungsschacht dringen Flammen. Möglicherweise Folge des Gebrauchs des Notstromaggregats. Birgit kommt mir entgegen. Man hatte an die Türen geklopft und mächtig Lärm gemacht. Wer wach war oder Lust hatte, darauf zu reagieren, ist dann durch das Treppenhaus nach unten gebracht worden. Wer sich nicht angesprochen fühlte, ist geblieben. Von der gegenüberliegenden Garage sehen wir, dass immer noch Menschen in einigen Zimmern sind, darunter die Konferenzteilnehmerin G., über die eigentlich heute ein ganz anderer Blogeintrag kommen sollte...
Birgits Konferenz findet unter vollkommen irregulären Bedingungen trotzdem statt. Lustig: Eine Konferenz über E-Learning ohne E-lektrizität. In der Stadt bilden sich unterdessen lange Schlangen vor den wenigen Läden und Restaurants, die geöffnet hatten. Supermärkte organisierten Notverkäufe für Wasser. In Garkuechen wird im Schein von Kerzen auf Gaskochern etwas gebrutzelt, wofuer Hunderte in langen Schlangen anstehen.
Prioritäten: Alles duster - bis auf die Partybeleuchtung auf dem Dach
Einige Hochhaeuser haben gute Notstromaggregate. Dort schafft man es, sogar die Party- und Zierbeleuchtung auf dem Dach funkeln zu lassen. Bei uns im Hotel werden dagegen Knicklichter verteilt, damit in den vollkommen dunklen und bruetend heissen Zimmern ueberhaupt etwas Licht ist. Die Dinger taugen nicht viel.
Dann gibt es ploetzlich kein Wasser mehr in der Toilette. "Nein, mit abfallendem Wasserdruck hat das nichts zu tun", versichert die Dame an der Rezeption. Sie will davon nichts wissen: "Kein Wasser? Sie meinen kein heisses Wasser? Was, ueberhaupt kein Wasser? Sie meinen im Badezimmer?" Ja, ich meine es. Sie verspricht aber, einen "Ingenieur" zu schicken. Es muesse ein Problem sein, das nur in unserem Zimmer besteht. Der "Ingenieur" kommt natuerlich nicht. Unten in der Lobby sind die ersten Klos bereits vollgeschissen und werden geschlossen. Man stellt grosse Blumenkuebel vor die Tueren. Aloha!
Am spaeten Abend hoert man dann ploetzlich Gejohle. Einer der benachbarten Wolkenkratzer hat wieder Strom. Dann der naechste. Es dauert noch eine halbe Stunde, bis auch das Sheraton wieder im Glanz erstrahlt. Wir gehen ins Bett. Eine halbe Stunde spaeter ploetzlich Laerm an der Tuer. Der Ingenieur: "Is there any Problem with the water in your room?"

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