Seit Monaten beherrschen Begriffe wie
„Eurokrise“, „klamme Südländer“, Krisenländer“ die
Schlagzeilen deutscher Medien. Wie verändert diese Berichterstattung
unser Bild der „Krisenländer“, wenn wir selbst vor Ort sind? Das
Folgende ist ein Selbstversuch.
Birgit und ich besuchen einen Ort, den
wir recht gut kennen, zuletzt von einem Aufenthalt im Jahr 2008:
Puerto de la Cruz auf Teneriffa, Spanien.
Einer unserer ersten Anlaufpunkte ist
ein kleines Café an einem der zentralen Plätze der kleinen
Hafenstadt an der Nordküste. Der Laden hat sich nicht sehr
verändert: Das Angebot an Torten und Gebäck ist gewohnt
reichhaltig, die Zahl der freien Plätze draußen vor dem Café
dagegen sehr begrenzt. Drinnen finden wir einen freien Tisch. Dort
liegt die Tageszeitung „El Paìs aus.
Die Überschriften verstehen
auch Menschen mit geringen Spanisch-Kenntnissen: „61% menos“,
„banco malo“, „destrucción de empleo“ sind die Schlagwörter.
Das Thema „Krise“ ist also auch hierzulande allgegenwärtig.
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| Krisenfest: Fußball und... |
Auf dem kommunalen Fußballplatz unten
am Strand herrscht dagegen Konjunktur wie gewohnt. Zwei
Jugendmannschaften treffen heute aufeinander. Es hat sich am
Sonnabendvormittag ein kleines interessiertes Publikum eingefunden,
das die Aktionen der Jungs und der Schiedsrichter beklatscht oder mit
Missfallensbekundungen quittiert. Ein besonders eifriger Fan, der den
Schiedsrichter dann und wann lautstark beschimpft und der mit einem
Schreibblock ausgestattet ist, in den er Notizen einträgt, verfolgt
das Spiel von einem großen Betonblock außerhalb des Stadions. Ob er
ein Eintrittsgeld sparen wollte oder auf diese Art gar ein
Stadionverbot umgehen musste, bleibt unklar.
Fußball jedenfalls geht immer – auch
in der Krise. Gleiches gilt für die katholische Kirche. Für 20 Cent
können Gläubige im zentralen Gotteshaus eine elektrisch betriebene
Kerze zum Leuchten bringen. Nicht Wenige haben ihr Geld hier bereits
investiert.
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| ...Kirche |
Unser Weg führt uns an den Strand, wo
die See heute rauh ist. Eine Gruppe Jugendlicher ist mit ihren
Bodyboards draußen auf der Suche nach der perfekten Welle. Mehrere
Surflehrer beaufsichtigen die Kids vom Strand aus.
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| Auch auf dem Meer ist keine Krise zu sehen |
Dann kommt ein
alter Mann mit seinem Surfboard die Promenade entlang. Unten am
Wasser stellt er das Brett beiseite, macht ein paar Dehnungsübungen
und paddelt dann auf seinem Brett in die Dünung. Er steuert eine
Position etwas abseits der Kids an, die in der hohen Welle heute
einige Schwierigkeiten haben. Ich denke: „Der alte Mann wird es
wohl nicht an Kraft, dafür aber an Erfahrung und Geschick mit den
Jungen aufnehmen können“. Doch weit gefehlt. An seiner
Warteposition kommt kaum eine Welle vorbei. Und wenn, dann sieht er
sie viel zu spät und schafft es nicht mehr, in sie hinein zu
paddeln: Ohne Instinkt, ohne Geschick, ohne Kraft agiert unser
Silversurfer. So sieht also eine Krise aus. Er ist das Gesicht der
Krise!
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| Der Silversurfer dagegen weiß nicht mehr, wie es geht. |
Auf dem Rückweg zum Hotel gehe ich mit
einem ganz anderen Blick durch die Stadt. Wir kommen an geschlossenen
Läden vorbei, ...
sehen stillgelegte Baustellen, ...
kaputte Dächer, ...
marode Schwimmbecken, ...
die Ruine eines großen Hotelkomplexes
in der Innenstadt.
Der Flohmarkt am Mercado, einem
kommunalen Einkaufszentrum, wirkt ärmlich. Drinnen in dem Betonbau
bröckeln Putz und Farbe. Es riecht nach Urin. Übergewichtige
deutsche Rentner suchen Erholung von ihren Hüft- und anderen Leiden
auf den wenigen Sitzgelegenheiten, die es gibt.
Selbst die trutzige Seebefestigungsmauer sieht mittlerweile arg mittgenommen aus. Das Meer hat eine große Bresche in die massive Betonkonstruktion gerissen. Die Quader liegen noch überall herum.
Wahrscheinlich konnte man Derartiges
hier auch vor vier Jahren schon sehen. Doch die „Krise“ ist vor
allem ein psychologisches Ereignis, das sich auf unsere Wahrnehmung
auswirkt.