15 Juni 2015

Liburnija in der Türkei verschrottet


Auf den Strand gesetzt: Nach 50 Jahren Dienst wurde die "Liburnija" verschrottet (Foto: Wikipedia)
Die 1965 gebaute "Liburnija" war eine RoRo-Fähre der kroatischen Reederei "Jadrolinija", die vor allem auf der bei Touristen beliebten - aber für die Reederei notorisch unwirtschaftlichen - Küstenlinie eingesetzt war. Im Jahr 2012 lag das schöne alte Schiff daher einige Zeit auf, wurde ab 2013 aber wieder auf der Küstenlinie eingesetzt.
Das Regionalportal Rijecanin berichtete am 7. Juni, dass zuletzt verschiedene Rettungsversuche gescheitert waren und das Schiff im März 2015 außer Dienst gestellt wurde. Im April wurde es im türkischen Aliağa auf den Strand gefahren und verschrottet. Der letzte Rettungsplan sah vor, dass Reederei und Regionalverwaltungen die Linie mit insgesamt 10,6 Millionen Kuna subventionieren sollten. Trotz einer grundsätzlichen Einigung gelang die Rettung des Schiffes nicht mehr.

Für unzählige Kroatien-Fans war die Fähre trotz ihres sehr eingeschränkten Komforts das beste Verkehrsmittel, um von Rijeka nach Dubrovnik oder in die Küstenorte oder auf die kroatischen Inseln zu kommen. Für die gesamte Strecke benötigte das betagte Schiff planmäßig 23 Stunden. Die einfache Deckspassage kostete etwa 30 Euro, eine Kabine etwas mehr als 100 Euro. Mit der Verschrottung verliert die Region ein Verkehrsmittel mit viel Charme und langer Tradition. Vielleicht hätte ein besseres Marketing die Linie retten können? Die norwegischen Hurtigruten-Schiffe haben heute auch nur noch eine begrenzte Bedeutung als regionale Verkehrsmittel. Umso mehr sind sie eine Touristenattraktion für eine betuchte Klientel - die durchaus auch die älteren Schiffe gerne bucht.

02 Mai 2015

Besuch in Cambridge - Heimat von Nobelpreisträgern und Autoverstehern

Cambridge liegt nur wenige U-Bahnstationen von Bostons Stadtzentrum entfernt und ist somit eher Stadtteil als Vorort der Hauptstadt von Massachusetts. Gleich zwei wetlberühmte Hochschulen sind dort beheimatet: Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und die Harvard University, gegründet 1636 und damit älteste Universität der USA.
Die Stadt ist geprägt von Institutsgebäuden, Parks und hübschen Wohnvierteln. Sie gilt seit jeher als sehr liberal, trotz der Strenge, die besonders der altehrwürdige Harvard-Campus ausstrahlt. Auch wenn Berkeley und das Silicon Valley in den letzten Jahren zunehmend als Zentren des wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts in den USA gelten: Hier in Cambridge werden immer noch Eliten ausgebildet. Doch solche Hochschulstädtchen ziehen oft auch junge Menschen an, die nicht ganz so zielstrebig hohe Ziele verfolgen. Und die im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" doch mitunter sehr interessante Karrieren machen.
Die Brüder Tom and Ray Magliozzi, geboren 1937 und 1949, haben beide einen MIT-Abschluss, dümpelten beruflich danach aber eher herum. Während Ray immerhin einige Jahre als Lehrer arbeitete, schlug sich Tom auch mit praktischen, oft aber wenig angesehenen handwerklichen Tätigkeiten durch. 1973 eröffneten die Brüder gemeinsam eine Selbsthilfe-Autowerkstadt. Die Geschäfte liefen jedoch schlecht, vermutlich weil das wenige Geld, das die typische Kundschaft dort ließ, kaum reichte, um die von ihr versauten Werkzeuge wieder zu beschaffen oder weil am Ende des Monats mehr Altöl als Cash auf dem Hof zurückblieb.
Die Wende kam 1977 mit einer Einladung der beiden als Autoexperten in eine Radiosendung. Daraus entwickelte sich eine wöchentliche Radio-Show, die unter dem Namen "Car-Talk" zwischen 1977 und 2012 lief. In der Sendung konnten Leute anrufen, die Probleme mit ihren Autos hatten. Autothemen wurden auf humorvolle und oft auch philosophische Art präsentiert. Die Show gilt als Prototyp eines ganzen Radioformats, das weltweit Verbreitung fand. Auch in Deutschland gibt es mit den "Sonntagsfahrern" von Radioeins eine Autosendung mit ähnlichem Format.
Die Magliozzis wandelten ihre Garage Ende der 70er-Jahre in eine reguläre Werkstatt um, die "Good News Garage", die es noch heute in Cambridge gibt. Tom wurde doch noch Professor, liebte den Job jedoch nicht und gab ihn wieder auf. Mit ihrer Radioshow jedoch schrieben die Brüder Radiogeschichte. Tom Magliozzi starb im Herbst letzen Jahres.
Wer heute durch Cambridge geht, findet neben den noblen Hochschulen und der kleinen "Good News Garage" weitere kleine inhabergeführte Werkstätten. Und wer ein Problem mit seiner Karre hat, freut sich an der Wirkungsstätte zahlreicher Nobelpreisträger über ein Schild mit der Aufschrift: "Mechanic on Duty".
Outreach in einem Institutsfoyer: Birgit zu Gast bei Marvin Minsky, Muriel Cooper und Seymour Papert
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28 April 2015

Mayflower nur ab Mai

Etwa 45 Minuten beträgt die Fahrtzeit des Busses von Boston South Station nach Plymouth. An diesem Ort sind vor 395 Jahren die Pilgrims von der Mayflower an Land gegangen. Die Geschichte der 102 Einwanderer gehört zum amerikanischen Gründungsmythos - und so wollen wir uns den Ort einmal ansehen.
Boston - South Station
Die Busgesellschaft Plymouth & Brockton fährt von Boston aus jede Stunde nach Plymouth. 27 Dollar kostet die Hin- und Rückfahrt für Erwachsene. Dafür, dass hier ofenbar vornehmlich die ärmere Bevölkerung mit dem Bus fährt, sind die Fahrkarten nicht gerade billig. Der Busbahnhof ist etwas düster und renovierungsbedürftig - wenngleich offenbar noch gar nicht sehr alt. Wir werden am Ticketschalter aber sehr freundlich bedient und der Bus fährt auf die Minute pünktlich ab.
Auch die Ankunft in Plymouth entspricht genau dem Plan. Allerdings: Statt in der Stadt werden wir auf einem Autobahnrastplatz heraus gelassen. Es weht und ist vormittags noch frisch. Von der Stadt ist nichts zu sehen. Schnell wird uns kalt. Der Busfahrer sagt uns noch, dass es einen Kleinbus gäbe, der alle 20 Minuten nach Downtown fährt. Wir gehen in das McDonalds-Restaurant auf dem Rastplatz, das angeblich auch eine Touristeninformation beherbergen soll. Und tatsächlich: Hinter einem Schalter sitzt eine ältere Dame, die sich unser annimmt. Ja, es gäbe einen Bus. Allerdings führe der nur jede Stunde. Umständlich kramt sie einen Fahrplan hervor. Der nächste gehe um 12:11 Uhr. Ich sehe auf die Uhr. Es ist 12:11 Uhr. Sie versteht nicht, warum wir es plötzlich so eilig haben. Ihre Uhr geht - das bekommen wir gerade noch mit, bevor wir uns hastig bedanken und verabschieden - ziemlich falsch. Draußen sehen wir den Bus gerade noch davonfahren.
Ein näherer Blick auf den Fahrplan zeigt uns aber, dass 20 Minuten später tatsächlich noch ein weiterer Bus fahren soll. Danach dann aber 40 Minuten keiner mehr. Irgendwie haben also sowohl der Fahrer als auch die Frau recht. Irgendwie aber auch wieder beide nicht.
Am Ende bringt uns dann aber doch noch ein wiederum sehr freundlicher Fahrer nach Downtown und setzt uns direkt an der Touristeninformation ab. Eine weitere ältere Dame empfiehlt uns allerlei Sehenswürdigkeiten, enttäuscht uns aber in einem Punkt: Die "Mayflower II", ein Nachbau, mit dem aber immerhin in den 50er-Jahren einige Wagemutige die Überfahrt von Plymouth (England) nach Plymouth (Massachusetts) wiederholt hatten, liegt noch im Winterlager und kommt erst im Mai wieder zurück. Womit auch geklärt wäre, warum das Ding so heisst...
Amerikanischer Mythos: Hier sollen die Siedler nn Land gegangen sein.

25 April 2015

Der "T"

Der "T" fährt ein.
Die Bahnhöfe sehen noch ähnlich aus wie im Eröffnungsjahr.

Bahnhof "Bylston"
Am unteren Ende des Boston Common, des ersten öffentlichen Parks der Stadt, gibt es in der Nähe der Kreuzung Boylston/Tremont Street ein Haus, aus dem immer wieder mit kurzen Abständen ein herzzerreissendes Quietschen dröhnt. Es klingt so schauerlich, dass Birgit sich in der ersten Zeit hier in Boston nicht näher an das Gebäude her getraut haf. Das kleine unscheinbare Häuschen ist der Eingang zum "T" - und ein Tor in die Unterwelt der Stadt. Der "T" ist die älteste U-Bahn der USA. Sie wurde 1897 eröffnet. Streng genommen ist der Abschnitt der Green Line unter der Boylston Street heute eine Straßenbahn. Aber wer nimmt es schon so genau?
Wer heute die Treppen hinab steigt, findet die Station fast so vor, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts aussah. Etwas rostiger und schmuddeliger ist sie - und einige Züge sind so kurz, dass sie nur einen Teil der Bahnsteiglänge benötigen. Bahnsteige im strengen Sinne gibt es übrigens nicht. Der Einstieg erfolgt auf Schienenhöhe. Deshalb ist es auch üblich, dass Fahrgäste über die Schienen laufen, wenn sie es eilig haben.
"Elektrifizierung plus Sowjetmacht, das ist Kommunismus°
In den Zügen sitzen vornehmlich ganz junge oder alte Leute - oder Arme. Fast jede/r spielt auf einem Mobiltelefon herum, was einen seltsamen Gegensatz zu der alten Technik der Bahn bildet. Einzig die Fahrer dürfen heute nicht mehr mit ihren Cellphones spielen, nachdem ein Fahrer der Green Line 2009 auf einen anderen Zug auffuhr, während er an einer SMS für seine Freundin tippte.
Boylston 
Einige alte Fahrzeuge stehen auch noch in der Station Boylston



Stadtspaziergang ohne Drohne

An meinem ersten Tag in Boston gehe ich mit Birgit zusammen auf Erkundungstour. Für mich ist die Stadt neu. Sie ist ja schon einige Wochen hier und kennt sich mittlerweile aus. Der März und der April waren jedoch sehr kalt, so dass auch Birgit die etwas wärmeren Temperaturen jetzt genießen kann. Wir starten am Boston Common, dem zentralen Park der Stadt. Es sind viele Menschen unterwegs an diesem Sonnabendvormittag.
Um einen Pavillon herum ist eine Wohltätigkeitsveranstaltung für herzkranke Menschen in vollem Gange. Vor dem Pavillon singt und tanzt eine Mädchen-Tanzgruppe zu süßen Popsongs. Der Himmel ist blau, die Luft kühl und klar, die ersten Bäume blühen kräftig, die verglasten Fassaden der Wolkenkratzer spiegeln den Himmel mit den lustigen Schäfchenwolken. Alles wirkt so schön und friedlich und wie aus einem amerikanischen Traum. Nur ein/e böse/r Kommentator/in aus dem Proskauer-Straßenblog fragt mich: „Wie vereinbarst Du eine Amerikareise mit Deinem Gewissen? Du unterstützt da u.a. ein Land, dass das automatisierte Töten mit Dronen erfunden hat?“
Nun gut: Abgesehen davon, dass man das Wort „Drohne“ trotz aller Abscheu getrost korrekt schreiben könnte, berichten die hiesigen Zeitungen heute darüber, dass Präsident Obama wegen zweiter irrtümlich von einer Drohne in Pakistan getöteten US-Geiseln unter Druck gerät. Ob das nun zu einem Umdenken führt, ist fraglich.

Aber unterstütze ich den Drohnenkrieg, wenn ich in die USA reise? Werden die Dinger nicht auch von Deutschland aus gesteuert? Unterstütze ich die Bürgerkriegsparteien in Nordafrika, Syrien und vielen anderen Teilen der Welt, wenn ich nach Baden-Württemberg oder Bayern fahre, wo mörderische Handfeuerwaffen und Gewehre hergestellt werden, durch die viel mehr Menschen sterben als durch Drohnen? Eine schwierige Frage.
Einfacher hingegen ist es, die behauptete Urheberschaft am automatisierten Töten zu widerlegen: In Auschwitz-Birkenau, Belzec, Majdanek, Sobibor und Treblinka sind deutlich vor Erfindung der Drohnen sehr viel mehr Menschen auf industrielle Weise getötet worden.
Dennoch bleibt es natürlich wahr: Die Decke der Zivilisation ist sehr dünn und der Frieden in vielen Teilen der Welt fragil. Um so mehr lässt sich dieser schöne Frühlingstag heute hier in Boston genießen. 

So ganz perfekt ist die Tarnung des Wolkenkratzers trotz Spiegeleffekts nicht.

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