Die Nacht im Schlafsack war dann doch okay. Es ist sowieso alles etwas feucht im Zelt, und nachdem er etwas angewärmt war, war sogar der Daunenschlafsack kuschelig.Vielmehr beansprucht mich das Blog-Schreiben. Gar nicht so einfach, wenn man den ganzen Tag wandert oder essen kocht. Zumal es hier oben kaum ein Internetcafé gibt.
Außerdem bekümmern mich meine Füße. Ich habe sonst nie Probleme mit meinen Schuhen. Doch da sie über Nacht nicht trocknen konnten, musste ich heute den ganzen Tag in nassen Schuhen und nicht dazu passenden Socken laufen (die Wandersocken waren noch klitschnass).
Zwei Blasen und ein insgesamt unrunder Gang waren die Folge.
Dabei sind wir heute schon wieder nass geworden. Zurzeit scheint es jeden Tag gegen 14 Uhr ein Gewitter zu geben. Wir waren deshalb schon besonders früh aufgestanden: 6:30 Uhr war verabredet. Doch in dem engen Talkessel, in dem die Bergerie de Ballone liegt, geht die Sonne derzeit erst gegen 8:45 Uhr auf. Wir frühstückten also ohne Sonne - was den Vorteil hatte, dass die Margarine noch nicht flüssig war - und gingen dann los.
Zunächst aber noch ein Wort zur Bergerie de Ballone: Es ist ein ganz zauberhafter Ort. Die Landschaft ist ansprechender als oben bei der Tighietto-Hütte. Wer nach der Solitude genügend Zeit und Nerv für einen längeren Abstieg hat, sollte weiter hinunter gehen zur Ballone. Ich erkannte in dem muskulösen Burschen in den Militärklamotten den Wirt (oder vielmehr den Sohn des Wirts) von vor zwei Jahren wieder. Obwohl er alles im Griff hat, wirkt er hier etwas deplatziert in seinem Outfit, das bei oberflächlichlicher Betrachtung zu der Annahme verleiten könnte, die Bergerie sei ein Bootcamp. Der Alte hält sich indes zunehmend zurück, was die Betreuung der Gäste angeht.
Auch mein Reiseführer (Erik Van de Perre: Trans-Korsika GR 20, Conrad Stein Verlag, Welver, Herbst 2003) hat viele warme Worte übrig für die Bergeries de Ballone: Hier "tanken tütensuppengesättigte Trekker bei korsischen Spezialitäten und Rotwein neue Kräfte. An alte Zeiten erinnern die Maulesel, die zwischen den Trockensteinmauen herumlaufen. Mit diesen treuen Lasttieren werden nach wie vor die Vorräte zu den Bergeries de Ballone hochgeschafft."
Hier irrt der ansonsten genaue Führer leider: Wer einmal von Calasima (einem sehr schönen Bergdorf, das noch mit dem Auto erreichbar ist) zu den Bergeries hochgelaufen ist, geht fast die ganze Zeit auf einem breiten Forstweg, der durch den von einen früheren Brand gezeichneten Wald führt. Er ist bequem mit geländegängigen Autos befahrbar. Kurz bevor die Bergerie in den Blick kommt, ist ein großer Umschlagplatz in den Wald gehauen. Hier können größere LKW wenden; einige Fahrzeuge sind hier auch abgestellt. Die Belieferung der Bergerie erfolgt offenbar bis zu diesem Punkt bequem mit dem Auto. Zur Täuschung der Touris wird die Ware dann für die letzten paar hundert Meter auf die Maulesel umgeladen. Der arglose GR 20-Wanderer fühlt sich dadurch in einem Idyll - und wenn er Reisebuch-Autor ist, schreibt er in einem Führer vielleicht sogar ein Extra-Kapitel über das romantische Leben in den korsischen Schäfereien.
Zurück zum heutigen Tag: Der Weg war zunächst fast eben und führte bald durch wunderschönen Wald (Foto oben). Dann wandte er sich nach Westen, wobei der Stausee von Albertacce sehr schön ins Blickfeld rückte. Er stieg fortan stetig an, bis die Bäume endlich seltener wurden und dann ganz verschwanden. Es wurde zusehends steiler. Eine unserer Trinkpausen machten wir bei einem wunderschönen Gumpen. Doch kaum hatten wir unsere Rucksäcke abgesetzt, bemerkten wir, dass der Gumpen schon besetzt war. Ein anderer Wanderer hatte sich sämtlicher Kleidung entledigt und war gerade dabei, ein Bad zu nehmen.
Wir stiegen weiter an bis zur Paßhöhe auf etwa 2000 m. Dort folgten wir nicht dem markierten Weg, sondern gingen entlang dem älteren Verlauf des GR 20 hinunter ins Tal. Der Pfad führt direkt zu zwei riesigen Felsblöcken. Bald dahinter, in gerader Richtung, bietet sich die Möglichkeit, den jungen Golo-Fluß zu überqueren. Der Weg trifft danach bald wieder auf den heutigen GR 20, der an dieser Stelle einen großen Umweg macht (durch die Abkürzung läßt sich etwa eine Stunde einsparen). Beim weiteren Abstieg in das enger werdende Tal trafen wir auf zahlreiche wunderschöne Gumpen. Leider zwang uns das aufziehende Gewitter, schnell weiter zu gehen. So traf uns das Wetter erst weiter unten in den geschützteren Regionen des Waldes.

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