
Gestern abend habe ich die 200 Seiten Jenny Treibel von Fontane ausgelesen, eine vorzügliche Lektüre – nur fürchte ich, daß die verquaste, altertümliche, ja, auf den modernen Rezipienten in Teilen umständlich wirkende Sprache des Autors eine Wirkung hinterlassen hat, die mancher vielleicht befremdlich finden möge…
Heute hatten wir uns mit unserem Freund Pedro, der Weihnachten bei seinen Eltern in Freiberg verbringt, zu einer Skitour verabredet. Zwar lag noch bis gestern abend eine leichte Unsicherheit über dem Vorhaben, denn seit seiner Anreise aus Berlin klapperte und quietschte Pedros Auto an der linken Vorderachse ganz bedenklich – wohl infolge eines unglücklich getroffenen Schlaglochs auf der Autobahn. Ein befreundeter Mechaniker gab gestern am späten Abend jedoch Entwarnung (obschon er sich den Schaden gar nicht genau besehen konnte, weil die Hebebühne aufgrund des zugeschneiten Garagentors nicht benutzbar war), so daß die Tour heute mit leichter Verspätung starten konnte.
Wir trafen uns gegen halb zwölf in Sayda. Ein Traktorist war gerade noch damit beschäftigt, den Parkplatz am Skistadion des kleinen Ortes vom Schnee zu räumen. Zwei Euro sollte das Abstellen eines PKW hier kosten, so verkündete es jedenfalls ein Schild. Doch obwohl hier jemand wirklich längere Zeit mit schwerem Gerät arbeiten mußte, um den Platz benutzbar zu machen, verlangte der Mann kein Entgelt – anders als in Seiffen, wo ein bärtiger Wärter vorvorgestern noch 3,50 Euro selbst für das Kurzzeitparken verlangte.
Bald waren wir auf den gut präparierten Loipen in südöstlicher Richtung unterwegs. Zunächst ging es durch den schönen Loipengarten von Sayda. Abwechslungsreiche Wege führten durch herrlichen Mischwald, mal ging es leicht bergan, dann wieder abwärts; Lichtungen wechselten sich ab mit dichtem Wald; mehrfach überquerten wir kleine Flußläufe. Wir hatten kein genaues Ziel, allenfalls die vage Vorstellung, in Richtung Seiffen laufen zu wollen. Da die gespurten Wege alle in unterschiedlich großen Schleifen nach Sayda zurück führten, verließen wir diese an einem kleinen Teich, der als Flächendenkmal ausgezeichnet war. Für einige Minuten standen wir dort, studierten die Karte und beratschlagten uns, als aus der Ferne Glockengeläut zu hören war, das sich offenbar näherte. Kurze Zeit später brachen plötzlich zwei Pferdeschlitten aus dem Wald, voll besetzt mit einer illustren Gesellschaft, dick eingemummelt in grobe Wolldecken. Die Pferde hatten, so schien es, ihre liebe Mühe, die Schlitten durch den tiefen Schnee zu ziehen. An einem Anstieg fielen sie gar ins Galopp, was freilich für uns Nebenstehende ein beindruckendes Schauspiel bot, zumal der Schnee wild umherstieb.





Getrübt wurde das Vergnügen jedoch durch eine eingehende Textnachricht von Birgits Neffen, die dieser über sein Mobiltelefon vermittelte: Die Großmutter sei vom Stuhle gestürzt und hätte sich Arm und Kopf aufgeschlagen, Ersterer sei gebrochen.Die Information war fragmentarisch und wir konnten nichts tun. Unser Weg führte ab dieser Stelle Richtung Süden, ins Ungespurte. Mehrfach mußten wir Bäume umgehen, die ganz frisch in Folge der Schneelast über den Weg gestürzt waren. Dieser führte bergan, entlang der alten Salzstraße von Magdeburg nach Prag. Oben auf dem Berg öffnete sich der Wald zu einer großen Lichtung, woraufhin wir unten im Tale den Ort Neuhausen schon liegen sehen konnten.
Die Silhouette des Dorfes wird bestimmt von den Türmen des Schlosses Purschenstein, dessen Ursprünge sich bis in die Zeit um 1200 zurück verfolgen lassen. In herrlicher Abfahrt über sanft abfallende Wiesen näherten wir uns dem Ort. Bald hinter dem Ortseingange fanden wir linker Hand den Gasthof „Grünes Gericht“, wo wir ein vorzügliches Essen zu uns nahmen (Birgit und ich Hähnchenbrustfilet, womit man fast nie etwas falsch machen kann und Pedro Zanderfilet, ein hochwertiger Fisch, wie wir mutmaßten, darüber hinaus aus dem Süßwasser und in Zucht gehalten, weshalb gegen den Verzehr desselbigen auch mit Blick auf die bedauernswerte Überfischung der Meere des Planeten wenig einzuwenden ist).
Da darüber die Helligkeit des Tages langsam zu Schwinden begonnen hatte, machten wir uns nach dem Mahl, das wir mit einem Espresso abschlossen, auf direktem Wege zurück zum Stadion Sayda, wo wir uns vom Freunde und seinem klapprigen Gefährt verabschiedeten und auf immer noch schneeglatten Straßen zurück nach Olbernhau fuhren.
Dort ließ sich nun endlich telefonischer Kontakt mit dem Großvater in Schwaben herstellen, der den Hergang des Unfalls und die Befindlichkeit der Großmutter schildern konnte: Sie sei beim Kochen gewesen, während er sich in weihnachtlicher Stimmung in den Salon zurückgezogen hätte. Plötzlich hätte es einen sehr lauten Schlag in der Küche gegeben. Doch da die Großmutter in ähnlichen Fällen, wenn sie irgend etwas zerschlagen hatte oder ihr sonstwie ein Mißgeschick widerfahren war, äußerst unwirsch auf besorgtes Nachschauen reagiert hatte, eilte er nicht gleich in die Küche, um nach dem rechten zu sehen. Erst als einige Zeit später ein schwaches „Fritz, komscht amol“ zu hören war, getraute er sich, näher zu treten. Ihm bot sich ein Anblick, der keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Situation aufkommen ließ: Das Ehegespons blutete aus einer Platzwunde am Kopfe und hatte sich das Handgelenk weh getan. Beim Versuch, etwas aus einem der oberen Hängeschränke zu holen, war sie vom Stuhle gestürzt. Mittlerweile sei die Hand operiert und in zwei Tagen könne sie wieder aus dem Krankenhaus. Auch er müsse nicht hungern: Das Essen sei zum Zeitpunkt des Unfalls fast fertig gewesen. „Weischt ja, wie viel se immer kocht“, sagte der Großvater. Das reiche für ihn allein locker zwei Tage…
Morgen beginne ich eine andere Lektüre. Statt Fontane vielleicht Sven Regeners „Der kleine Bruder“. Liest sich irgendwie leichter.

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