27 Februar 2007

Von der DDR in den Schwabengulag

Am Wochenende war ich in der Vergangenheit: erstens erdgeschichtlich und zweitens historisch-mental.
Liebe Freund/innen hatten Birgit und mir ein Wochenende im Berghotel Bastei in der Sächsischen Schweiz geschenkt. Das Elbsandsteingebirge ist nicht nur ein Kletter- und Wanderparadies, sondern auch das Produkt urzeitlicher Gewalten, die aus ehemaligem Meeresboden, der sich vor etwa 100 Millionen Jahren hier hob, die skurrilsten Felsformationen geschaffen haben.
Aber auch aus jüngerer Zeit gibt es skurrile Überbleibsel. Das Berghotel Bastei gehört zweifelsohne dazu. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist ein gutes Hotel mit einem angenehmen Ambiente und sehr guter Küche. Aber es hat eine interessante Geschichte. Denn es wurde gerade noch zu DDR-Zeiten fertig gestellt und ist in den neunziger Jahren weitgehend - aber eben nicht komplett - erneuert worden. Im Fahrstuhl ist eine verräterische Plakette mit dem Baujahr 1988 angebracht und im Badezimmer entdecke ich noch eine Narva-Leuchte. Ach, und die Deckenverkleidung: die erkenne ich genau so wieder wie die Methode, mit der sie aufgehübscht wurde. Einmal mit der Rolle übergestrichen, glänzt die vertraute Metallprofildecke fast wie auf Weltniveau.
Hier ist ein gutes Stück DDR übrig geblieben: Eines in dem es gutes Essen gibt, Räume angenehm gestaltet sind, Materialknappheit unbekannt ist und die Ober freundlich sind. Es ist hier alles ein Stück besser als es in der Original-DDR war. Doch ich habe ständig den Eindruck, dass eine bessere DDR - mit etwas gutem Willen - genau so hätte aussehen können. Nur der Fitnesstrainer ist Sportlehrertypisch unfreundlich - und bietet dabei nicht einmal Dopingmittel an.
Die Gäste des Hauses scheinen genau diese Atmosphäre zu schätzen. Wir treffen fast ausschließlich auf Sachsen. Ausnahme ist der Nachbartisch. Dort haben sich ehemalige Studienkollegen (Maschinenbauer) versammelt, die sich nach Jahren wiedersehen und über ihren alten ML-Dozenten lästern, der nach der Wende eine Partei gegründet hat.
Und in der Sauna wird über die "Fidschi" gelästert, die "gor ni geguckt hoben, wo se geloofn sind, sondorn nur uff ihre Fodooporode gedrückt - so ols ob se die janze Londschoft domit mitnehmen gönndn".
Herrlich. Es ist ein schöner Ort, den ich nur empfehlen kann. Bisher habe ich in der Sächsischen Schweiz ausschließlich in Boofen oder gelegentlich in einer Berghütte übernachtet. Doch dieses Hotel ist mit seiner hervorragenden Lage direkt an der Bastei ein echter Tip.
Und die Felsen sind natürlich auch im Winter toll. Unsere erste Wanderung führt uns durch die Schwedenlöcher, am Amselsee vorbei über den Pionierweg (nein, leider werden mit dem Namen nicht die putzigen DDR-Jugendlichen geehrt, sondern ihre Altvorderen aus einem kaiserlichen Pionierregiment) zum Gamrig, einem schönen Aussichtspunkt. Zurück laufen wir über Rathen und an der historischen Felsenburg vorbei. Am nächsten Tag erklimmen wir noch die Schrammsteine und finden, trotz leichter Orientierungsschwierigkeiten rechtzeitig zurück zum Auto, so dass wir zum letzten Bienzle-Tatort wieder in Berlin sind (Der Käfer fährt auf einem leicht abschüssigen Abschnitt sagenhafte 138 kmh!).
Apropos Bienzle: Der ist bekanntlich Schwabe - und somit den Sachsen geistesverwandt. Was mich wiederum dazu veranlasst, auf ein besonderes Blog aus dem Schwäbischen hinzuweisen, das den wegweisenden Titel trägt: Schwabengulag

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