16 Februar 2007

Reise ins Böhmische

Heute also Spindleruv Mlyn. Mit der Bahn. Die Erinnerung an meine letzte Fahrt nach Karlsruhe und die einstürzenden Neubauten am Berliner Hauptbahnhof stecken mir noch frisch in den Knochen. Und so überlege ich, ob ich vielleicht besser meinen neuen Skihelm vor Betreten des Bahnhofs aufsetzen soll. Doch dann lasse ich meine Reise einfach am Ostbahnhof beginnen. Erstens passt das ohnehin besser zum Ziel meiner Fahrt. Zweitens liegt der Bahnhof günstig zu meiner Wohnung im Friedrichshain. Und drittens - aber nicht zuletzt - hieß er bis vor wenigen Jahren ebenfalls "Hauptbahnhof" (nachdem er vorher schon einmal "Ostbahnhof" und davor "Schlesischer Bahnhof" geheißen hatte).
Die Fahrt beginnt pünktlich um 8:17 Uhr und führt über Cottbus, Zittau, Liberec, und Jicin nach Spindleruv Mlyn. Ich bin versöhnt mit der Bahn. Die Anschlüsse passen prima. Ab Cottbus steige ich um in die Lausitzbahn. Der freundliche Schaffner bringt mir für 80 Cent sogar einen Tee an den Platz. Und dann erst die Toiletten: Sie sind Gigagroß und sauber! Kein Vergleich zum Karlsruher "WC-Center"!
Zwischenstop in Görlitz. Görlitz ist eine wunderschön restaurierte Stadt mit vielen Altbauten, Kirchen, Parks und einer Fußgängerzone. Die bunten, stuckverzierten Häuser und die abschüssigen Straßen machen Görlitz zu fast so etwas wie einem heimlichen San Francisco des Ostens. Kurz hinter der Stadt verbreiten die nebelverhangenen Tagebauseen mit etwas Phantasie sogar ein wenig Bay-Area-Stimmung. Jedoch: Görlitz ist tot. Hier wohnt kaum noch jemand. Keine Jobs, keine Jugend, keine Zukunft. Schade.
Also weiter nach Zittau. Die Wolken - oder ist es Nebel? - hängen so tief: Genau in Nabenhöhe der Windräder. Auf ihrem oberen Halbkreisweg sind die Flügel gar nicht zu sehen. Im Zeitlupentempo tauchen sie aus der Suppe auf, um mißmutig ihre Bahn auf dem unteren Halbkreis fortzusetzen - und anschließend wieder im undurchdringlichen Grau zu verschwinden.
Hier sieht überhaupt alles so grau und trostlos aus wie früher die Frisuren von Angela Merkel. Hätte man das nicht gleich mit relaunchen können?
Kurzzeitig fährt der Zug auf polnischem Gebiet. Aus einem Bahnwärterhaus grüßt ein verhärmter zottelbärtiger Bahnwärter. Eine halb eingestürzte Kirchenruine zieht vorbei. Nahe daneben steht ein giftgrün gestrichenes Haus, das wie ein Aufschrei wirkt in dieser grauen Landschaft. Dann geht es ins Gebirge. Die Strecke ist einspurig und führt durch ein enges Tal. Grenzpfosten stehen entlang des kleinen Flüßchens, das parallel fließt. Dann plötzlich Stacheldraht direkt an der Bahnlinie. Bis vor wenigen Jahren hieß es, dass dies die Grenze mit dem weltweit größten Armutsgefälle sei. Regelmäßig wurden "Illegale" beim Versuch des Überschreitens festgenommen. Seit Polens EU-Beitritt ist davon weniger oft die Rede. Äußerlich hat sich hier jedoch kaum etwas verändert.
Langsam nähert sich der Zug Zittau, wo ich knapp 40 Minuten Aufenthalt habe. Genug Zeit, um mich in der Umgebung des Bahnhofs umzusehen. Eine romantische Schmalspurbahn, die hinauf fährt ins Zittauer Gebirge, steht schon unter Dampf. Im seltenen Kontrast dazu steht der geleckte - und hoffnungslos überdimensionierte - Busbahnhof vor dem Bahnhofsgebäude. Elektronische Tafeln zeigen Busse an, die heute nicht mehr fahren. Elektrische Türöffner öffnen Türen, durch die kein Mensch geht. Dem Ort sind die Förderkriterien anzusehen, nach denen hier das Geld verschüttet wurde: Osten, Grenzgebiet, öffentlicher Nahverkehr.
Im Bahnhofsgebäude selbst gibt es eine kleine Ausstellung mit Kinderbildern. Sie ist im Rahmen eines Projekts an einer Zittauer Grundschule entstanden, in dem sich der Bundesgrenzschutz den Schüler/innen präsentiert hat. Themen: "Aufgaben des BGS, Präventionsvideo der DB-AG `In letzter Sekunde´, Verhalten auf Bahnanlagen". Die Bilder zeigen Szenen aus dem Alltag der Grenzschützer - so wie ihn sich die Kinder vorstellen sollen. Gut vorstellbar auch, dass der dahinter stehende pädagogische Ansatz noch aus dem Fach Staatsbürgerkunde stammt.
Ab Zittau geht es mit einem tschechischen Zug weiter nach Liberec. Hier ist alles heiterer, bunter - sogar die Sonne scheint. Ein belebter Busbahnhof ohne elektronische Anzeigetafeln, dafür mit viel Betrieb, wartet auf mich. Eine Stunde Aufenthalt. Dann geht es in einem überfüllten Bus weiter nach Jicin. Und von dort nach Spindleruv Mlyn. Um 16:45 bin ich am Ziel: Achteinhalb Stunden. Das ist nicht viel länger als mit dem direkten Bus aus Berlin. Mit dem letzten Tageslicht beginne ich den knapp zweistündigen Aufstieg zur Baude. Die Berichte der letzten Zeit stimmen: Es ist viel Schnee gefallen in Spindlermühle. Zwar sind die Temperaturen wieder gestiegen, so dass der Schnee in den unteren Bereichen weich ist. Doch an diesem Abend gleiten meine Touren-Langlaufski richtig gut den Berg hinauf. Endlich sehe ich das warme Licht der Baude in der Dunkelheit auftauchen. Drinnen erwartet mich Petr, der neue Wirt, und ein gutes Abendessen.

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