18 August 2014

Mit der "Northern Expedition" nach Prince Rupert

Ein Zubringerbus bringt die Leute ohne Auto schon gegen 5:00 Uhr zum Hafen
 Bereits um 5:20 Uhr verlassen wir nach einer kurzen Nacht das Hotel und fahren zum Fährhafen von Port Hardy. Wir sind nicht die Einzigen. Als ich den Zimmerschlüssel auf den Tresen der zu dieser Zeit noch geschlossenen Rezeption lege, liegen dort schon etwa ein Dutzend anderer Schlüssel. Das halbe Hotel scheint die Fähre nach Prince Rupert nehmen zu wollen. Wer ohne Auto reist, steigt in den alten amerikanischen Schulbus, der einen Zubringerdienst zum Hafen leistet.
Die planmäßige Abfahrt ist um 7:31 Uhr. Wir haben mittlerweile gelernt, die ungeraden Zahlen ernst zu nehmen. Die Uhrzeit erinnert uns an die übertriebene Genauigkeit der Höhenangaben an hiesigen Brücken: 5,09m, 5,21m oder 5,20m haben wir auf der Fahrt gestern gesehen. In Deutschland würden Höhen über fünf Meter wahrscheinlich ohnehin nicht ausgezeichnet werden, weil Fahrzeuge einfach nicht so hoch sind. Hier hingegen kommt das vor. Doch wie mag sich ein LKW-Fahrer fühlen, der unter der letzten 5,21m hohen Brücke gerade so noch durchgekommen ist, nach weiteren 75,8 km dann jedoch vor einer Brücke steht, die mit 5,20m ausgezeichnet ist? Wir wissen es nicht, erreichen aber pünktlich zwei Stunden vor Abfahrt den Hafen um 5:31 Uhr.
Die "Northern Expedition" liegt hell erleuchet an ihrem Anleger
Das Bugtor ist einladend offen - doch bis Autos und Fußgänger an Bord dürfen, dauert es noch eine Stunde.
Auf dem Schiff gibt es überraschend viele Deutsche. Am Hafen wurde eine Extraspur für ihre Wohnmobile eingerichtet. Denn in Kanada scheinen Deutsche grundsätzlich im Wohnmobil zu reisen. Einige Amerikaner sehen wir auch, doch deren Wohnmobile unterscheiden sich deutlich von denen der Deutschen: Es handelt sich dabei eher um reisebusgroße Gefährte. Allerdings sind diese deutlich besser motorisiert als deutsche Reisebusse. Damit die Reisenden nicht ständig mit dem Bus zum Schnellimbiss fahren müssen, haben sie hinten einen Truck angehängt. Trucks muss man sich in etwa so vorstellen wie die in Deutschland bekannten SUV´s. Nur, dass ein Truck etwa doppelt so lang und etwas höher ist. Denn er ist hinten - wie Birgit stets zu sagen pflegt - "mit Pickup". An dem "Truck mit hinten Pickup" hängt nicht selten noch ein Motorrad - für die kürzeren Wege, die man eigentlich auch zu Fuß machen könnte.
Hier am friedlichen Kai von Port Hardy sind die Wohnmobile deutscher Machart jedoch wie gesagt in der Mehrzahl. Später auf dem Schiff treffe ich eine Wohnmobilreisende vor dem Purser´s Office auf Deck 4. Draußen hat sich gerade der Nebel gelichtet und es zieht eine wunderbare Küstenlandschaft vorbei. Die Frau fragt den Purser in breitestem Bayerisch, ob er deutsch spricht. An dieser Stelle möchte ich mich eigentlich schon einmischen und zurückfragen, ob sie selbst nicht ein vernünftiges Deutsch sprechen kann. Doch der freundliche Purser kommt mir zuvor und antwortet in perfektem Deutsch mit leichtem bayerischen Dialekt: „Ja, selbstverständlich. Womit kann ich helfen?“
Ob es denn an Bord ein Kino gäbe, möchte die Frau wissen. Ich frage mich, wozu sie diese nicht ganz billige Fahrt gebucht hat, wenn sie eigentlich nur einen Film ansehen möchte. Der Mann antwortet: „Hinten gibt es die Raven Lounge. Im Moment läuft auf den Monitoren dort aber nur das Fernsehprogramm.“ Die Frau fragt zurück: „Das ist aber in Englisch, oder?“ Das Leben im Ausland ist hart für die Bayerin. Sie verabschiedet sich dennoch freundlich mit: „Danke, gell."


Diashow von der Fahrt durch die Inside Passage nach Prince Rupert



Auf der Fahrt sehen wir immer wieder Wale. Der Käpt´n macht dann meist eine Durchsage, woraufhin viele Passagiere an die Reling stürzen. Das Schiff verlässt bald die offenen Gewässer des Queen Charlotte Sounds und fährt in immer engere Buchten und Kanäle. Ab und zu kommen wir an Leuchttürmen vorbei, selten an Ortschaften. Es gibt einen einzigen Stopp in Bella Bella. Der Ort wird weitgehend von der Fähre versorgt. Heute wird ein Container ausgeladen; wenige Fahrzeuge und einige Fußgänger kommen an Bord. Die Prozedur zieht sich hin. Draußen springen zahllose Hechte aus dem Wasser. Einige Passagiere versuchen, sie im Sprung zu fotografieren, doch das ist schwierig. Die Frau im Sitz vor uns zeigt ihrem Mann ein offenbar besonders gelungenes Foto: "Da schau her, so aan Kawentzmann." Ich hole auch meine Kamera heraus und zeige Birgit das letzte Bild, das zufälligerweise die Heckklappe der Fähre zeigt: "Guck mal, so ein Riesending - und so weit aus dem Wasser!", sage ich stolz. Birgit lacht und stößt mich an. Ich solle mich nicht lustig machen über unsere Mitpassagiere. Egal. Wir kommen trotzdem ins Gespräch mit den Vordersitzern, einem Paar aus Bayern. Sie wollen mit dem Auto bis nach Banff weiter fahren.



Link zum Album
Im Grenville Channel bessert sich das Wetter wieder
Während wir in Bella Bella liegen, verschlechtert sich das Wetter weiter. Aus dem Nieselrgen wird teilweise ein recht kräftiger Regen und die Berge hüllen sich wieder in Nebel. Ich bin trotzdem gern oben an Deck, denn die Stimmung ist unvergleichlich und die Luft wunderbar rein.
Irgendwann sind wir wieder hungrig. Die "Northern Expedition" verfügt neben dem Vista Restaurant, wo wir heute morgen gefrühstückt haben, noch über das Canoe Café. Es ist die etwas günstigere Alternative. Andererseits gibt es im Restaurant ein Buffet, an dem man so viel essen darf wie man kann. Also entscheiden wir uns für das Vista Restaurant. Es gibt sehr guten Fisch, Fleisch und ein Dessertbuffet. Mittlerweile sind wir in den Grenville Channel eingefahren, einen sehr engen, 70 Kilometer langen fjordähnlichen Abschnitt der Reise. Das Wetter bessert sich wieder. Wir sehen sogar noch die Sonne. Doch zum Ende des Tages zieht sich die Fahrt dann doch etwas hin. Nach Einbruch der Dunkelheit gibt es draußen kaum etwas zu sehen. Birgit hat sich im Bordshop einen Krimi gekauft. Die Handlung spielt in Berlin und Nazis - so verspricht der Klappentext - sollen eine tragende Rolle spielen. Allerdings ist im Buch dann ständig von Erich Mielke und dem Ministerium für Staatssicherheit die Rede. Stasi - Nazi? Da kann man ja schon einmal durcheinander kommen...
Kurz vor 23:00 Uhr sind durch die Panoramafenster der Aurora-Lounge viele Lichter zu sehen. Prince Rupert? Nein, wir müssen uns noch etwas gedulden. Es ist nur der riesige Tiefsseehafen für die großen Container- und Frachtschiffe. Erst eine halbe Stunde später erreichen wir den Fährhafen. Nach kurzer Fahrt kommen wir an unserem Hotel an. An der Rezeption treffen wir das Paar aus Bayern wieder, das auf der Fähre vor uns gesessen hatte.

16 August 2014

Abschied von Vancouver

Vancouver - Blick über Granville-Island nach Downtown
So schwierig es war, hierher zu kommen - so schwer fällt nun nach dreieinhalb Tagen fast schon wieder der Abschied. Es waren intensive Tage: Wir haben Freunde getroffen, die Stadt zu Fuß und mit dem Rad erkundet, gegessen, gefeiert - und am letzten Tag auch gebangt: Birgits Visa-Karte hat schon in den USA gezickt: Ab irgendeinem Zeitpunkt wurde sie nirgends mehr akzeptiert. Nun gut, meine Karte tat es ja noch. Gestern im Vancouver-Aquarium meinte der Kassier nach der Abbuchung jedoch zu mir: "German credit card? Oh, we can be lucky that it did not shoot down our system". Danach wurde ich noch zweimal darauf angesprochen, dass deutsche Kreditkarten in Kanada schlecht funktionieren.
Heute in der Cafeteria des Anthropologischen Museums weigerte man sich sogar, die Karte überhaupt nur in das Gerät zu stecken. Bei der letzten Transaktion mit einer deutschen Karte sei das System abgestürzt und das Museum musste für drei Tage geschlossen werden (Der letzte Halbsatz wurde nicht ausgesprochen sondern nur mittels einer Grimasse "kommuniziert" - wie man heute gern sagt).
Nun ja. Bei einer Strandbude habe ich die Karte dann noch einmal ausprobiert - und prompt versagte sie ihren Dienst. In Nordamerika - und Kanada ist vielleicht eine etwas mildere Filiale dieses Kontinents, gehört aber letztlich dazu - ist der Mensch ohne Kreditkarte kaum etwas wert. Dass nun plötzlich unsere beiden Karten gleichzeitig den Dienst quittieren, war so nicht voherzusehen. Von Visa hatten wir eigentlich mehr erwartet.
Also haben wir heute einen Notfallplan abrufen und unsere EC-Karten aktivieren müssen, die uns immerhin mit Bargeld versorgen konnten - wenn auch zu ungünstigen Konditionen.
Die Deutsche Bank wird sich freuen - wir hingegen hatten keine Wahl, denn morgen wollen wir einen Mietwagen abholen (zum Glück vorab bezahlt, aber die Verleiher verlangen immer eine Kreditkarte als Sicherheit) und müssen eine Fähre bezahlen. Unser Abstecher in die Inselwelt Britisch-Kolumbiens soll nämlich beginnen. Über Vancouver Island wollen wir ganz in den Norden Kanadas vorstoßen - auf den Spuren von Walen, Delfinen und einer versunkenen alten Bekannten aus Schweden, die einst auch von Pippi Langstrumpf geschätzt wurde...

13 August 2014

Endlich weiter nach Vancouver

Die Star Alliance übertrifft sich heute selbst: Pünktlicher Start in Chicago. Wow. Der A320 fliegt zunächst über ein Areal mit riesigen Hallen, Autobahnen und kleinteiligen "neighbourhoods". Doch bald wird die Besiedlung dünner und in den nächsten anderthalb Stunden sehen wir unter uns nur ein endloses monotones Schachbrettmuster, das - umso weiter wir westwärts fliegen - immer stringenter durchgehalten wird.


Karomuster unter uns
Straßen und Wege ziehen sich schnurgerade bis zum Horizont. Auf 1000 km Flugstrecke reiht sich ein Karo an das andere. In jedem Rechteck stehen, meist diagonal entgegengesetzt, zwei Häuser. Wer in diesem Riesenschachbrett als Austauschschüler landet, so denke ich mir gehässig, ist verloren - und vielleicht froh, wenn er in einer Garage erschossen wird...
Kleineres Karo aus zehn Kilometer Höhe
Manchmal widersetzen sich kleine Flüsse, Siedlungen oder Seen dem Diktat des rechten Winkels. Dennoch scheint für die Natur in dieser Landschaft kein Platz zu sein. Ein größerer See in der Nähe einer Stadt ewa hat an kaum einer Stelle ein unbebautes Ufer. Fast überall stehen Häuser oder liegen Boote vertäut am Strand.
Über eine Flugstunde immer gleiches Karo...
Der Landschaft ist aus 10 Kilometern Höhe anzusehen, mit welchem Eifer, welcher Entschlossenheit und Disziplin die Siedler sie sich einst untertan gemacht haben.
Das Immergleiche scheint aber selbst die Siedler irgendwann ermüdet zu haben. Weiter im Westen werden die Karos unregelmäßiger. Das Land scheint hier nicht ganz so intensiv genutzt zu sein. Irgendwann taucht ein großer Fluss auf. Jenseits seines Ufers wird es hügeliger und das Karomuster verliert sich allmählich.
...Karo bis zum Horizont im mittleren Nordwesten der USA.
Der Service auf diesem gut vierstündigen United Airlines-Flug beschränkt sich in der Economy-Klasse darauf, dass alkoholfreie Getränke ausgeschenkt werden und Essen gegen Bezahlung erhältlich ist. Die Kabinencrew besteht aus einem auffallend übergewichtigen Steward für die Businessclass, einem älteren schlanken Steward, der uns in der Economy mit einem extrem entzündeten rechten auge bedient und seiner Kollegin, über die Birgit sagt, sie sehe nicht schön aus, hätte aber eine auffallend positive Ausstrahlung.
Als wir einsteigen, ist der Dicke gerade damit beschäftigt eine Rotweinflasche zu entkorken. Es ist gegen Mittag. Birgit schaut mich an und fragt: "Das ist doch aber nicht der Käpt´n, oder?"
Zuzutrauen wäre es United Airlines...