t ein Wintertraum in Tschechien. Noch vor zehn Jahren galt der Ort als eine preiswerte Alternative zu den Alpen. Die Atmosphäre war geprägt von einer Mischung aus anarchistischer Aufbruchstimmung und leicht melancholischem Ost-Charme, der einfach nicht totzukriegen war. Das Bier war billig, die Sitten auf den Pisten hart und abends in den Discos ging es meist auch straighter zur Sache als in Ischgl.Mittlerweile hat alpines Skifahren und Snowboarden in Spindleruv Mlyn zwar durch stark gestiegene Liftkosten (mittlerweile ca. 110 Euro für 6 Tage) und endlose Schlangen viel an Attraktivität verloren.
Doch für Skitouren mit Langlaufski gibt es nach wie vor nichts Besseres! Der TU-Sport fährt seit vielen Jahren nach "Spindl" - bisher mit wenigen Unfällen.
Doch im letzten Jahr gab es gleich mehrere schwere Unfälle und das führt mich zum Thema des heutigen Posts: Vorhin bekomme ich eine E-Mail von Ingo. Er war im letzten Jahr auf einer Treppe ausgerutscht und hatte sich einen komplizierten Knöchelbruch und mehrere Frakturen zugezogen. Zur Erstversorgung brachten wir ihn in das Medical Center in Spindleruv Mlyn - der einzigen medizinischen Einrichtung in diesem tschechischen Wintersportzentrum.
Das erste, was wir dort zu hören bekamen, war: "hier privat - alles privat!" Da es sich um einen Notfall handelte, blieb Ingo keine Wahl. Die Preisgestaltung des Instituts war zwar wenig phantasievoll, dafür in ihrer Struktur aber leicht verständlich: "Untersuchung 100 Euro, Röntgen 100 Euro, Gips 100 Euro", machte der bullig wirkende Arzt unmissverständlich klar.
Auf der Rechnung stand am Ende zwar trotzdem deutlich mehr, doch das war nicht die einzige unangenehme Überraschung: Die Qualität der medizischen Versorgung stellte sich später in Deutschland als mangelhaft heraus: Alle Röntgenbilder waren so schlecht, dass sie wiederholt werden mussten. Außerdem übersah der Arzt mehrere Frakturen und legte einen viel zu schwach dimensionierten Gips an.
Wie Ingo wurden auch andere westliche Patienten genötigt, sofort bar oder mit Kreditkarte zu bezahlen. Bei Tschechen wurde hingegen die europäische Versicherungskarte akzeptiert.
Später wiederholte sich Ähnliches nach einem anderen Unfall. Da ich die Praxis aus anderen Skigebieten in den Alpen kenne, wunderte ich mich sehr über die Raubrittermethoden in Tschechien. Ich habe bisher nichts Ähnliches erlebt.
Ingo leidet heute noch an den Folgen des Unfalls, was möglicherweise mit auf die stümperhafte Erstversorgung des tschechischen Quacksalbers zurückzuführen ist. Mehr ärgert ihn allerdings, dass diese Praxis vollkommen legal weiter geführt wird. Dabei sind die Zustände bekannt, was folgende Links zeigen:
Radio Praha berichtete einmal über einen besonders krassen Fall, in dem ein polnischer Jugendlicher im Medical Center eingesperrt wurde, weil er nicht bezahlen konnte. Erst mit Hilfe der Polizei konnte er befreit werden.
Praguemonitor berichtete über einen ähnlichen Fall, in dem ein Deutscher eingesperrt worden war.
Ein sächsischer Snowboarder ist im letzten Jahr für die Behandlung einer ausgekugelten Schulter um 760 Euro erleichtert worden.
Ingo selbst schreibt mir heute in seiner E-Mail:
"In meinem Fall sprechen folgende Tatsachen für einen Betrug des Medical Centers:
- Für Leistungen wurden unangemessen hohe Honorare verlangt.
- Vor der Behandlung hatte der Arzt Pauschalen für Honorare festgelegt (Gips 100 Euro, Röntgen-Aufnahmen 100 Euro, Befund 100 Euro). Hinterher waren dann auf einmal 13000 Kronen, . d. h. ca. 430 Euro fällig.
- Als ich auf den Krankenwagen nach Berlin gewartet habe, sind ja sehr viele Unfallopfer zum Medical Center gebracht worden. Alle westlichen Patienten (Dänen, Holländer, Deutsche, etc. ) sind privat behandelt worden, und ein Tscheche ist mit seiner EU-Krankenkassenkarte durch die Gegend gelaufen...
...Ich habe gelesen, daß es dem EU-Recht widerspricht, wenn einige Patienten über die gesetzliche Krankenkasse behandelt werden, und andere, westliche Patienten ausschließlich als Privatpatienten behandelt werden.
