04 März 2011

Fehlstart

Abreisetage sind immer besonders stressig. Insesondere die Bürokratie fordert ganzen Einsatz. Heute fahre ich nach Jerzens und die Vorbereitungen sind nicht hektischer als sonst - nur dass mir zusätzlich noch mein Snowboardlehrer absagt. Er hätte Fieber und Grippe. Ich habe zwölf Stunden bis zur Busabfahrt Zeit, um Ersatz zu finden.
Die Chancen stehen schlecht, doch Rocco, der zweite Snowboardlehrer, kann kurzfristig einen Freund aus Kufstein aktivieren. Der wird zwar erst morgen Abend nachkommen, aber dafür haben wir einen echten Tiroler "Local", der sogar in der C-Jugend schon mit Benni Raich gemeinsam trainiert hat!
Am frühen Nachmittag habe ich endlich meinen Kleinbus beladen und mache mich - nun allein - auf den Weg ins Pitztal.
In 8 Stunden und 10 Minuten schaffe ich es von Friedrichshain bis nach Ritzenried. Die mentale Distanz ist fast krasser als die geografische Entfernung von 848 Straßenkilometern vermuten lässt.
Kaum bin ich in dem kleinen Weiler im engen Pitztal angekommen, muss ich feststellen, dass ich ein weiteres Personalproblem habe:
Denn der neue Skilehrer, den ich für die Fahrt verpflichtet habe und der aus der Schweiz direkt nach Jerzens angereist ist, entpuppt sich überraschend als ziemlich trottelig.
Gegen halb zehn hatte ich mit ihm telefoniert, um zu erfahren, ob er das Haus gefunden hat. Da dieses heute noch von einer anderen Gruppe belegt ist, sollte er schon mal das Doppelzimmer beziehen, das ich für uns beide in einem Nachbarhaus besorgt hatte. Der Plan war, dass er mich hineinlässt, falls ich spät in der Nacht kommen sollte.
Als ich ihn anrief, saß er bereits bei Egon, unserem Wirt, in der Küche. Die Hintergrundgeräusche ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass es eine lustige Runde war, deren Ausgelassenheit sicher auch auf dem Konsum der diversen selbstgebrannten Schnapssorten aus Egons Küchenschrank beruhte.
Um halb elf empfing mein Telefon folgende Textnachricht:
"Hi, ich geh jetzt pennen. Handy auf max lautstärke. Just call me baby!"
Einen Augenblick überlegte ich, ob die letzte Aufforderung unter dem Einfluss des Zirbengeists formuliert wurde, oder ob mich vielleicht noch eine Überraschung erwarten würde...
Meine Konzentration galt jedoch schnell wieder der Straße. Als ich das Gasthaus endlich erreichte, welches das letzte Haus im Ort ist, rief ich wie verabredet meinen Skilehrer an. Doch nun antwortet der nicht. Auch nach zehn Versuchen nicht. Ich hämmere an die Tür des Hauses, rufe laut, leuchte mit einer starken Taschenlampe in alle Fenster des Hauses. Im Friedrichshain hätte spätestens nach zehn Minuten ein Bewohner laute Verwünschungen aus einem Fenster heraus gerufen. Doch hier, im friedlichen Pitztal, wo die Menschen einen gesunden Schlaf haben, hallen meine zunehmend aggressiveren Versuche der Kontaktaufnahme nur dumpf von den engen Felswänden zurück. Irgendwann kurz nach eins rufe ich in meiner Verzweiflung Egon an, den ich aus dem Schlaf weckte. Er hat noch eine Decke, mit der ich dann bei ihm in der Stube auf der Sitzecke übernachte.
Um 7:36 Uhr surrt mein Telefon. Folgende Nachricht meines Skilehrers ist eingegangen:
"guten morgen und 1000sorry. Habe dich nicht gehört. Bin jetzt in der juhe"

Wunderbar.

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