04 November 2012

Kabbelige See

Birgit vor nicht allzu kabbeliger See in Icod el Alto
Es ist immer gut, mit einer promovierten Pädagogin zu verreisen. Man lernt nicht einfach nur fremde Länder kennen, sondern bekommt auch wertvolle Hinweise, wie diese viel besser organisiert werden könnten.
Birgit und ich stiegen heute zu einem Absprungplatz für Paraglider hoch über der Nordküste Teneriffas empor. Der Absprung aus großen Höhen fasziniert die Menschen nicht erst, seitdem Red Bull Flügel verleiht. Nun sind allerdings seit Ikarus auch die Gefahren bekannt, die auf allzu übermütige Piloten warten. Deshalb hat der Bürgermeister von Icod el Alto ein viersprachiges Warnschild an der Absprungstelle auf seinem Gemeindegebiet anbringen lassen. Man solle doch bitteschön die Hochspannungsleitung meiden; von einer Landung auf der Autobahn sei - vermutlich wegen der fehlenden Standspur - abzuraten; auch bei Sturm und "kabbeliger See" solle man lieber nicht springen. "Kabbelige See, was ist das denn für ein deutsch?", zweifelte Birgit sofort an der Sprachkenntnis der örtlichen Autoritäten. Als eher Norddeutscher (oder vorlauter Berliner, je nachdem) fühlte ich mich sofort genötigt, dem Ortsvorsteher beizustehen: "Kabbelige See, na klar, das ist korrektes deutsch. Das ist - äh - sozusagen ein nautisches Fachwort." "Nautisches Fachwort?", grinste Birgit und guckte mich äußerst zweifelnd an, weil sie durchschaut hatte, dass ich jetzt vielleicht etwas dick aufgetragen hatte. "Naja, vielleicht nicht ein nautisches Fachwort, aber Fachwort eben. So sagt man, wenn die See kabbelig ist. Kabbelige See."

Unser Streit setzte sich fort und ließ sich vor Ort nicht klären. Gut aber, dass es Wikipedia und den Duden gibt. Dort gibt es folgende Definitionen für dieses schöne alte Wort, das sich - wie wir seither feststellen, auf alle möglichen Lebenslagen anwenden lässt, etwa wenn zwei Personen sich streiten (kabbeln), der Verkehr auf einer vielbefahrenen Kreuzung unübersichtlich (kabbelig) ist oder im Speisesaal alle durcheinander laufen. Hier die Definition von Wikipedia:
Mit kabbeliger See wird ein Oberflächenbereich des Meeres bezeichnet, der durch Wind, Seegang oder Wasserströmungen, die aus verschiedenen Richtungen gegeneinandertreffen, ungleichmäßig bewegt ist. Der Begriff stammt aus der Seemannssprache. Andere Bezeichnungen sind Kabbelung oder Kabbelsee.
Eine kabbelige See ist gekennzeichnet durch ein flaches, aber unruhiges Wellenbild aus kurzen, sich gegenseitig überlagernden Wellen.

Deutschland


 
Wer blockiert den ganzen Tag die Liegen in der ersten Reihe am Pool mit einem Handtuch? Ganz klar, es sind die Deutschen. Schön, dass sich einige jetzt auch offen zu ihrem schlechten Benimm bekennen! Peinlich nur für die anderen Landsleute...

03 November 2012

Krise

Seit Monaten beherrschen Begriffe wie „Eurokrise“, „klamme Südländer“, Krisenländer“ die Schlagzeilen deutscher Medien. Wie verändert diese Berichterstattung unser Bild der „Krisenländer“, wenn wir selbst vor Ort sind? Das Folgende ist ein Selbstversuch.
Birgit und ich besuchen einen Ort, den wir recht gut kennen, zuletzt von einem Aufenthalt im Jahr 2008: Puerto de la Cruz auf Teneriffa, Spanien.

 
  Einer unserer ersten Anlaufpunkte ist ein kleines Café an einem der zentralen Plätze der kleinen Hafenstadt an der Nordküste. Der Laden hat sich nicht sehr verändert: Das Angebot an Torten und Gebäck ist gewohnt reichhaltig, die Zahl der freien Plätze draußen vor dem Café dagegen sehr begrenzt. Drinnen finden wir einen freien Tisch. Dort liegt die Tageszeitung „El Paìs aus.
Die Überschriften verstehen auch Menschen mit geringen Spanisch-Kenntnissen: „61% menos“, „banco malo“, „destrucción de empleo“ sind die Schlagwörter. Das Thema „Krise“ ist also auch hierzulande allgegenwärtig.

Krisenfest: Fußball und...
 Auf dem kommunalen Fußballplatz unten am Strand herrscht dagegen Konjunktur wie gewohnt. Zwei Jugendmannschaften treffen heute aufeinander. Es hat sich am Sonnabendvormittag ein kleines interessiertes Publikum eingefunden, das die Aktionen der Jungs und der Schiedsrichter beklatscht oder mit Missfallensbekundungen quittiert. Ein besonders eifriger Fan, der den Schiedsrichter dann und wann lautstark beschimpft und der mit einem Schreibblock ausgestattet ist, in den er Notizen einträgt, verfolgt das Spiel von einem großen Betonblock außerhalb des Stadions. Ob er ein Eintrittsgeld sparen wollte oder auf diese Art gar ein Stadionverbot umgehen musste, bleibt unklar.
Fußball jedenfalls geht immer – auch in der Krise. Gleiches gilt für die katholische Kirche. Für 20 Cent können Gläubige im zentralen Gotteshaus eine elektrisch betriebene Kerze zum Leuchten bringen. Nicht Wenige haben ihr Geld hier bereits investiert.
...Kirche
Unser Weg führt uns an den Strand, wo die See heute rauh ist. Eine Gruppe Jugendlicher ist mit ihren Bodyboards draußen auf der Suche nach der perfekten Welle. Mehrere Surflehrer beaufsichtigen die Kids vom Strand aus.
Auch auf dem Meer ist keine Krise zu sehen
Dann kommt ein alter Mann mit seinem Surfboard die Promenade entlang. Unten am Wasser stellt er das Brett beiseite, macht ein paar Dehnungsübungen und paddelt dann auf seinem Brett in die Dünung. Er steuert eine Position etwas abseits der Kids an, die in der hohen Welle heute einige Schwierigkeiten haben. Ich denke: „Der alte Mann wird es wohl nicht an Kraft, dafür aber an Erfahrung und Geschick mit den Jungen aufnehmen können“. Doch weit gefehlt. An seiner Warteposition kommt kaum eine Welle vorbei. Und wenn, dann sieht er sie viel zu spät und schafft es nicht mehr, in sie hinein zu paddeln: Ohne Instinkt, ohne Geschick, ohne Kraft agiert unser Silversurfer. So sieht also eine Krise aus. Er ist das Gesicht der Krise!
Der Silversurfer dagegen weiß nicht mehr, wie es geht.
Auf dem Rückweg zum Hotel gehe ich mit einem ganz anderen Blick durch die Stadt. Wir kommen an geschlossenen Läden vorbei, ...

sehen stillgelegte Baustellen, ...
 

kaputte Dächer, ...
marode Schwimmbecken, ...

die Ruine eines großen Hotelkomplexes in der Innenstadt.
Der Flohmarkt am Mercado, einem kommunalen Einkaufszentrum, wirkt ärmlich. Drinnen in dem Betonbau bröckeln Putz und Farbe. Es riecht nach Urin. Übergewichtige deutsche Rentner suchen Erholung von ihren Hüft- und anderen Leiden auf den wenigen Sitzgelegenheiten, die es gibt.
Selbst die trutzige Seebefestigungsmauer sieht mittlerweile arg mittgenommen aus. Das Meer hat eine große Bresche in die massive Betonkonstruktion gerissen. Die Quader liegen noch überall herum.
Wahrscheinlich konnte man Derartiges hier auch vor vier Jahren schon sehen. Doch die „Krise“ ist vor allem ein psychologisches Ereignis, das sich auf unsere Wahrnehmung auswirkt.